Geschichtliches zu den Studentenverbindungen

Die Wurzeln des Korporationsstudententums
Die heutigen studentischen Verbindungen (Korporationen), die vom Inhaltlichen wie vom Erscheinungsbild her ein weit gefächertes Spektrum aufweisen, entwickelten sich ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts und gehen auf mehrere Wurzeln zurück:

(a) Die studentischen Landsmannschaften
Die Landsmannschaften waren Tischgesellschaften von Studenten aus einer Gegend. Sie vermittelten den späteren Korporationen studentisches Brauchtum, studentisches Liedgut, studentische Ausdrucksweise („Studentensprache“) und das Prinzip des Farbentragens (viele Korporationen tragen „ihre“ Farben auf Band und Mütze).

(b) Die Studentenorden
Diese Orden waren unter dem Einfluß der Freimaurer entstanden, waren um die geistige Förderung ihrer Angehörigen bemüht und hatten Studenten sowie Bürger zu Mitgliedern. Sie vermittelten den Korporationen das Konventsgeheimnis (Verschwiegenheit gegenüber Außenstehenden) und das Lebensbundprinzip (lebenslange Mitgliedschaft).

(c) Der Göttinger Hein
Der Göttinger Hain (auch Hainbund) war ein vaterländisch-religiöser Kreis von Studenten, die sich dem Geist der Französischen Revolution verpflichtet fühlten und Standesunterschiede verwarfen. Er vermittelte den Korporationen die Freiheits- und Vaterlandsidee.

(d) Die studentischen Kränzchen
Im Gegensatz zu den Landsmannschaften und den Studentenorden waren diese Gemeinschaften behördlich geduldet. Sie vermittelten den Korporationen die gegenseitige Erziehung der Mitglieder („Komment“) und die Lebensfreundschaft („Bundesbrüderlichkeit“).

Die Burschenschaft – erste gesamtdeutsche Jugendbewegung
Unter dem Einfluß des Ideengutes der Französischen Revolution und unter dem Eindruck der Freiheitskriege gegen Napoleon wurde 1815 durch Auflösung und Zusammmenschluß der Jenaer Landsmannschaften die Urburschenschaft gegründet. Ähnliche Bildungen an den meisten deutschen Hochschulen folgten, 1818 entstand wiederum in Jena die Allgemeine deutsche Burschenschaft (ADB) als universitätsübergreifende Organisation.
Durch die Karlsbader Beschlüsse (1819) wurde die den Machthabern im Deutschen Bund (den Vorsitz nahm Österreich ein) als umstürzlerisch verdächtige Burschenschaft verboten und aufgelöst, die Burschenschaften an den einzelnen Universitäten bestanden aber im Untergrund weiter. 1827 konnte die ADB in Bayern, das damals studentische Verbindungen erlaubte, wiederbelebt werden. Den Freiheitskämpfen der Polen gegen die Russen und der Griechen denen die Türken galt die offen zur Schau gestellte Sympathie der Burschenschafter (Hambacher Fest 1832).
In der Zeit des Vormärz (1815–1848) wurzeln neben den Burschenschaften auch andere Korporationstypen. Aus den Landsmannschaften gingen die Corps hervor. Aus studentischen Gesang- und Turnvereinen, wissenschaftlichen und religiösen Studentenvereinen bildeten sich Korporationen.

Schweiz
Während die Entfaltung des Korporationsstudententums in der Habsburgermonarchie – bedingt durch die Abschottungspolitik des Metternich’schen Systems – hinter jener im übrigen Deutschen Bund nachhinkte, verlief die Entwicklung in der Schweiz parallel und weitgehend zeitgleich zu jener in den anderen deutschen Ländern.

Das Jahr 1848, seine Folgen und Spätfolgen
Im Sturmjahr 1848 gewann Studentenpolitik für lange 120 Jahre (bis 1968!) zum letzten Mal allgemeine Bedeutung. Der Ruf nach demokratischer Verfassung und nationaler Einheit ließ Studenten, Arbeiter und Bürger (diese nur kurzfristig) Seite an Seite gegen das herrschende (vormärzliche) Unterdrückungssystem aufstehen. Auslöser und Anführer der Revolution waren jedoch in erster Linie Studenten – so übernahm die Wiener Akademische Legion von Anfang an die politische (und teilweise auch die militärische) Führung des Geschehens in der Reichshauptstadt.
Die Niederschlagung der Revolution bedeutete nicht nur den Verlust der für kurze Zeit bereits durchgesetzten Verfassung sondern auch den erzwungenen Verzicht auf die angestrebte staatliche Einheit aller Deutschen.
In Österreich lockerten sich die Verhältnisse erst in den 60er Jahren. Die militärischen Niederlagen von 1859 und 1866 zogen Lockerungen der innenpolitischen Verhältnisse nach sich: Oktoberdiplom 1860, Februarpatent 1861, österreichisch-ungarischer Ausgleich und Dezemberverfassung für die westliche Reichshälfte 1867. Dadurch kam es zu einer Reihe von Vereinsgründungen, auch viele studentische Korporationen entstanden damals.
Die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts brachten den Korporationen manche organisatorische Konsolidierung (Bildung von Altherrenverbänden, Festlegung von Formen, Zusammenschluß zu Verbänden), aber für viele Korporationen auch eine Erstarrung in Äußerlichkeiten und eine Abkapselung vom öffentlichen Leben.

Die Korporationen im 20. Jahrhundert
Der Erste Weltkrieg bereitete dem aus heutiger sicht „sorglosen“ Leben der Korporationsstudenten ein jähes Ende. Kriegserfahrung und Verarmung führten in den Nachkriegsjahren zu einem Entschlackungsprozeß in den Formen und unter dem Einfluß der Jugendbewegung zu einer Rückbesinnung auf die wesentlichen Inhalte.
Der auch auf Hochschulboden aufkommende Nationalsozialismus ließ die Korporationen bald zu (teils willigen, teils unwilligen) Werkzeugen seiner Ideologie werden. Doch die streng demokratische Struktur der Korporationen war mit dem NS-System nicht vereinbar. So wurden sie dann auch 1935 im Deutschen Reich, 1938 in Österreich sowie 1939 in der Tschechei aufgelöst und die Mehrzahl von ihnen in „Kameradschaften“ des NSD Studentenbundes übergeführt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden die Korporationen allmählich wieder, die meisten in der ersten Hälfte der 1950er Jahre – viele zunächst unter Decknamen, um den Besatzungsmächten nicht verdächtig zu erscheinen. Nicht wenige Korporationen durchliefen dabei ihre Entwicklungsstadien seit ihrer Gründung im Zeitraffertempo.
In eine Blütezeit korporationsstudentischen Lebens in der zweiten Hälfte der 1950er und der ersten Hälfte der 1960er Jahre fuhr die Studentenrevolte von 1968, die alles Hergebrachte in Frage stellte – selbstverständlich auch die Korporationen mit ihren gewachsenen Strukturen. Die Korporationen reagierten damals – mit Ausnahmen – kaum nach außen, sehrwohl aber verarbeiteten viele von ihnen die Erfahrungen jener stürmischen Jahre durch eine gewisse Verinnerlichung und stärkere Hervorhebung ihrer grundlegenden Ziele.

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert
Der politische Aufbruch in Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa erweckte in den Korporationen – wie auch allgemein – viele Hoffnungen, die sich zunächst nicht (jedenfalls nicht im erwünschten Tempo) erfüllten. So ist das neuerliche Fußfassen der Korporationen in den neuen Bundesländern der BR Deutschland nach sieben Jahrzehnten der Absenz ein zwar fortschreitender, aber ziemlich zäher Prozeß.
Dennoch: Die Welt von heute wird jene in den Korporationen gepflegten (und von ihnen vermittelten) Tugenden mit Gewißheit brauchen! Diese können freilich nicht nur in den Korporationen erworben werden – aber eben auch dort, und dies zudem kostenfrei!