Geschichte der Gothia

Die Gothia wurde um die Jahreswende 1862/63 als Akademischer Gesangverein (AGV) gegründet, dem zunächst auch Angehörige anderer Vereine und Korporationen angehören konnten. 1886 kam es zur „korporativen Schließung“ – die Angehörigen anderer Korporationen mußten ausscheiden.

Der Weg vom offenen Verein zur geschlossenen Korporation war von Veränderungen im äußeren Erscheinungsbild wie in der inneren Organisation begeleitet: 1867 wurde das weiß grüne Band eingeführt, ab 1880 wurden „Alte Herren“ ernannt. 1895 bekam das weiß-grüne Band einen Goldrand, 1902 wurde ein Altherrenverband als eigener Verein gegründet, 1902 wurde zum Band die grüne Mütze angenommen.

Auch der Name der Korporation änderte sich. Vor dem Hintergrund der zunehmenden nationalen Spannungen innerhalb der Donaumonarchie, sah sich der AGV veranlaßt, seinen Namen in„Deutscher akademischer Gesangverein“ (DAGV) zu erweitern. 1909 kam der Name „Gothia“ hinzu; die Korporation hieß nun „DAGV Gothia“ und ab 1919 – dem Jahr der Aufnahme in den Dachverband „Deutsche Sängerschaft“ – „Akademische Sängerschaft Gothia“.

Die Proben des Vereines fanden in einem Hörsaal der (alten) Universität statt, der gesellige Betrieb in verschiedenen Gasthäusern der Stadt („Sandwirt“ in der Griesgasse, „Stern“ in der oberen Sporgasse, „Prinz Koburg“ in der Zinzendorfgasse), bis der DAGV 1902 seine Kneipe im Gasthaus „Zum Schwarzen Adler“ in der Leonhardstraße 27 aufschlug, wo ein entsprechend großer Saal zur Verfügung stand. 1913 kaufte die Gothia die ganze Liegenschaft Leonhardstraße 27 einschließlich der Gastwirtschaft und benannte das Haus als „Gothenhaus“.

Stand der Gothia zunächst neben dem Saal, dem inzwischen eine Bühne angebaut worden war, zunächst nur ein Geschäftszimmer im ersten Stock zur Verfügung, so benützt sie heute das gesamte Gebäude – mit Ausnahme des Gasthauses, das verpachtet ist – zu eignen Zwecken: Konventszimmer, Notenarchiv, Aufenthaltsräume und Büros sind im ersten Stock untergebracht, in den darüber liegenden Geschoßen befinden sich Studentenzimmer für die jungen Angehörigen der Gothia. Seit Sommer 2014 vermietet die Zimmer der Studentenhilfsverein Gothenhaus.

Von 1921 bis 1938 pflegte die Gothia die Sportmensur als für alle neu aufgenommenen Mitglieder verpflichtenden studentischen Ritus. Seit 1960 haben die studentischen Angehörigen der Gothia die Möglichkeit, freiwillig eine Mensur zu fechten.

1935 errichtete die Gothia gemeinsam mit den (damals drei) anderen Sängerschaften Österreichs das „Sängerschafterheim“ in Feld am See (Kärnten), ein Studentenheim, das Schulungs- und Erholungszwecken dient.

Nach der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus wurde die Gothia im Zuge der Gleichschaltungsmaßnahmen und der damit verbundenen allgemeinen Umgestaltung des Vereinswesens durch die NS-Behörden aufgelöst, nachdem bereits 1935 die Korporationen im Deutschen Reich behördlich verboten worden waren. Das Vermögen der Gothia (das Gothenhaus) wurde eingezogen und einer Kameradschaft des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes im Hochschulring an der Universität Graz zur Nutzung zugewiesen. Diese Kameradschaft, der die knappe Hälfte der ehemaligen Mitglieder der früheren Gothia beitrat, trug von 1940 bis 1945 den Namen „Narvik“ und entfaltete eine an die Tradition der Gothia anknüpfende, eingeschränkte Tätigkeit (namentlich in musikalischer Hinsicht). Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Kameradschaft aufgelöst.

Nach dem Zweiten Weltkrieg durchlief die Gothia in rascher Abfolge ähnliche Entwicklungsstadien wie seit der Gründung: 1946 Gesang- und Orchesterverein der Grazer Hochschulen, 1950 Akademischer Gesang- und Orchesterverein (AGOV), 1951 (Wieder-)Einführung des Bandes, 1952 Umbildung des AGOV in die „Akademische Sängerschaft Gothia“, Wiederannahme der Mütze.

In den 1950er Jahren übernahm die Gothia die Patenschaft über zwei Schulen im Steirischen Grenzland: die Peter-Rosegger-Volksschule in Kleinradl und die Josef-Krainer-Schule in Großwalz. Mittlerweile wurden beide Schulen wegen Kindermangels aufgelöst (Kleinradl 1971, Großwalz 2012).

1896 trat die Gothia dem Deutsch-akademischen Sängerbund (DASB) bei, den sie aber bereits 1900 wieder verließ. Erst 1919 schloß sie sich erneut einem Dachverband an, der Deutschen Sängerschaft (DS), die aus dem DASB hervorgegangen war. 1933 mußte die Gothia aus politischen Gründen aus der DS entlassen werden. 1952 wieder in die DS aufgenommen, verließ die Gothia diesen Verband wiederum 1997, wobei sie bereits 1993 einer anderen Korporationsgemeinschaft, der Weimarer Interessensgemeinschaft deutscher Sängerschafter (WIG), beigetreten war.

Seit der politischen Wende in den Staaten Mittelost-, Ost- und Südosteuropas (und auch bereits knapp davor) unternahm die Gothia wiederholte Fahrten zu deutschen Volksgruppen in diesem Gebiet (Rumänien 1986, 1991, 1993, 1996, 2007; Ungarn 1990, 2002; Slowenien 2000, 2006, Tschechien 2001).

Über die siehe musikalische Arbeit der Gothia in mehr als 14 Jahrzehnten siehe „Musikalische Markierungen“ und „Blütenlese“!