Damen in der Gothia

Der Akademische Gesangverein (AGV) von 1863 war ein reiner Männerchor – Frauen waren damals noch nicht berechtigt zu studieren. Bei der Aufführung von Werken für gemischten Chor war es zunächst ein jeweils „aus hiesigen Gesellschaftskreisen geladener Damenchor“, der die Sopran- und Altstimmen stellte. Ab den 1880er Jahren waren es zumeist die Damen des Grazer Singvereines, die den weiblichen Part des Chores bildeten.
Von 1911 bis zum Ersten Weltkrieg bestand ein eigener „Frauenchor des DAGV Gothia“, der vereinsartigen Charakter hatte. In der Zwischenkriegszeit tat sich die Gothia bei größeren Aufführungen wieder mit dem Singverein zusammen.
Bereits 1902 war aus dem Kreise weiblicher Angehöriger der DAGVer der Schwesternbund des DAGV entstanden, der seine Aufgabe darin sah, „ein inniges Verhältnis zwischen seinen Mitgliedern und dem DAGV herzustellen“. Der Schwesternbund trug Sorge für die Ausgestaltung, insbesondere für den Schmuck bei den Vereinsfesten des DAGV und beteiligte sich finanziell an wichtigen Neuanschaffungen für den Verein. In der Zwischenkriegszeit nahm der Schwesternbund straffere, vereinsähnliche Formen an, mit der Überführung der Sängerschaft in eine Kameradschaft (1938) erlosch seine Tätigkeit.
Der 1946 gegründete Gesang- und Orchesterverein der Grazer Hochschulen – ab 1950 Akademischer Gesang- und Orchesterverein (AGOV) – hatte männliche und weibliche Studierende als Vollmitglieder. Als der AGOV 1952 die Tradition der Sängerschaft Gothia aufnahm und unter Annahme des alten Namens zur Akademischen Sängerschaft Gothia wurde, waren die Damen zunächst als Bundesschwestern Mitglieder der Gothia.
Das Absinken der Hörerzahlen an den Hochschulen um die Mitte der 1950er Jahre betraf auch die weiblichen Studierenden – Der Gothia fiel es zunehmend schwerer, ihren Damenchor aus rein studentischen Kreisen zu füllen. Ab 1954 wurden daher Studentinnen nicht mehr als Mitglieder aufgenommen, die bisherigen Bundesschwestern wurden als außerordentliche Mitglieder in den Altherrenverband der Gothia aufgenommen. Die seit 1954 im Damenchor der Gothia singenden Chordamen haben den vereinsrechtlichen Status von Gästen, sind also keine Mitglieder.
Anläßlich des 100. Stiftungsfestes wurde der Schwesternbund der Gothia zu neuem Leben erweckt und besteht in dieser Form bis heute. Ihm gehören die Frauen (und Witwen) der Bundesbrüder an sowie ehemalige Chordamen, die über die Zeit ihres Mitwirkens im Chor hinaus die Verbindung zur Gothia behalten möchten. Wiederum sieht der Schwesternbund seine Aufgabe in der finanziellen Hilfestellung bei größeren Anschaffungen der Gothia, bei der Ausgestaltung gesellschaftlicher Veranstaltungen und nunmehr insbesondere auch in der Unterstützung der Volkstumsarbeit der Gothia (Betreuung auslandsdeutscher Volksgruppen in Rumänien und Slowenien).
Um heute Chordame der Gothia zu werden, ist – im Gegensatz zu unseren studierenden Bundesbrüdern – die Inskription an einer Grazer Hochschule nicht erforderlich. Als Gäste arbeiten unsere Chordamen mit uns im Chor, nehmen an unseren gesellschaftlichen Veranstaltungen teil und gestalten damit einen wesentlichen Teil unseres Bundeslebens mit.